Technologie und Verhaltensänderung

Bei der ersten virtuellen AGIT 2020 gab es wieder eine Reihe spannender Vorträge zum Thema Energiewende, Elektromobilität, Zukunft des Verkehrs usw. Überraschend selbstkritisch fiel zum Teil die Reflexion darüber aus, dass die Thematik seit Jahren ganz oben auf diversen Agenden steht, vieler Theorie jedoch kaum Praxis folge.

Mit Absichten allein kann man nicht berühmt werden. (Henry Ford)

Die Folgen dieser Verschleppung zeigen sich in immer höheren Verkehrsbelastungen und Umweltschäden. Univ.-Prof. DI Dr. Markus Mailer (Universität Innsbruck) zeigte zudem sehr drastisch, dass die Zielerreichung (als Beispiel wurde „Tirol Klimaneutral 2050“ gewählt) rein mit Technologie in vielen Fällen nicht zu schaffen ist. Dadurch rückt mehr und mehr auch die Hinterfragung des individuellen Mobilitätsverhaltens in den Vordergrund: Technologie und Verhaltensänderung!

Die gesamte Autoindustrie setzt (verständlicherweise) auf Technologie: Alternative Antriebs- und Mobilitätskonzepte stehen ganz oben, zumindest in den Showrooms und auf Automobilausstellungen wird das vermittelt. 

Eine Verhaltensänderung ist, wie im profil (Nr. 32; 2.August 2020) von Jens Dangschat ausgeführt ein ungleich schwieriger Prozess, wurde uns in den letzten 70 Jahren die individuelle, motorisierte Mobilität (der eigene PKW) über zum Teil pure Emotion als erstrebenswertes Ziel verkauft.

Die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung steht aber außer Frage, denkt man an viele ungelöste Probleme (Nachhaltigkeit, Lärm, Platzbedarf …) die auch bei vermeintlich schadstofffreien Fahrzeugen bleiben.

Marken, die besonders großen Anteil an der Emotionalisierung des Themas „Auto“ haben tun sich am allerschwersten und müssen demnach die Technologiekarte in besonderem Maße ausspielen.

In diesem Zusammenhang wurde ich auch auf die Mooncity in Salzburg (https://www.mooncity-salzburg.at/) aufmerksam (Vortrag Dr. Eva Haslauer, Porsche Konstruktionen GmbH & Co KG). Bezeichnenderweise wurde dieses „Kompetenzzentrum für Elektromobilität“ in einem ehemaligen Autohaus eröffnet – also dort wo es im Absatz mit veralteten Technologien, gepaart mit hauseigenem Dieselskandal schon merklich kriselte.  VW ID.3 heißt hier offenbar der absolute Neustart, in meinen Augen bislang sehr schaumgebremst.

Mir ist auch aufgefallen, wie schwer man sich tut, das Thema Elektromobilität oder autonomes Fahren mit dem emotional besetzten Begriff „Porsche“ in Verbindung zu bringen. Es liegt wohl auf der Hand, dass sich ein autonom fahrender und batteriebetrieben Porsche, Ferrari oder Jaguar vermutlich nicht so gut vermarkten lässt.

Daher werden mittelfristig wohl auch neue Marken (hinter denen möglicherweise die alten Player stehen), die „alten Marken“ verdrängen oder selbige in noch elitärere Sphären verbannen. Tesla ist zurzeit das beste Beispiel für beides! Es würde Jahre brauchen, um der individuellen Mobilität die Emotion wieder zu nehmen. Das Elektromobilitätsmarketing arbeitet zudem heute schon erfolgreich dagegen. Es bleibt nur zu hoffen, dass Mobilitätsformen wie Carsharing, attraktiver öffentlicher Verkehr oder schlicht und ergreifend mehr körperliche Bewegung auch (wieder) in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

Leider vergisst man gerade bei Veranstaltungen wie der AGIT auch gerne darauf, dass die viele Theorie längst weltweit in der Praxis umgesetzt werden müsste und nicht nur in kleinen Modell- oder Ökoregionen, Innenstadtbezirken, neuen Stadtteilen usw.

Wir vergessen auch gern, dass das Statussymbol „Auto“ (mit viel Hubraum) in vielen Ländern dort gerade erst zu dem wird, was es bei uns schon vor 30 oder 40 Jahren war!

Jeder der heute seinen eigenen betriebstauglichen PKW mit Verbrennungsmotor gegen einen elektrischen tauscht, hat viel für sein eigenes Gewissen getan,  der Autoindustrie einen Dienst erwiesen (auch im Sinne von Angebot & Nachfrage) und Anerkennung verdient.

Im globalen Kontext hat man hingegen nur dazu beigetragen weiterhin Ressourcen und Platz zu beanspruchen, auch das alte Kfz fährt in der Regel ja noch einige Jahre weiter. „Die Zahl der Diesel- und Benzinfahrzeuge auf den Straßen sinkt nicht. Die klimafreundlicheren Autos kommen also dazu, anstatt die Verbrenner zu verdrängen“ führt Jens Dangschat im profil aus.

Vielleicht bedarf es tatsächlich auch einer neuen Generation, um den Paradigmenwechsel weg von der Emotionalität zu schaffen. Ich persönlich bin mit Ende 40 ein hoffnungsloser Fall von Automobilemotion, gleichzeitig aber ein umweltbewusster Ahnungsloser, verglichen mit Nerds der Tuning-, Motorsport- oder Sammlerszene. Ich sehe aber auch eine heranwachsende Fridays for Future Generation, die schon deutlich weniger Interesse an Führerschein und eigenem Kfz hat. Allerdings entwickelt sich vielerorts mit Fridays for Hubraum auch eine Gegenbewegung, die an der Autoemotion festhält.

Die Technologie ändert sich ungleich schneller als das Verhalten. Das individuelle Reisezeitbudget von etwa 60-90 Minuten/Tag hat sich überhaupt als eines der konstantesten Mobilitätskenngrößen erwiesen!

Dipl.-Ing. Walter Heginger – GeoMagis